Pädagogik für die Tonne: Schreiben nach Gehör

Spielsachen & Co.

Freitagskolumne von Ursula Prem, 23. Oktober 2015

Di Lesa dises Atikls dürftn fro sain, das Schraibm naach Gehöa zwa Schulö machd, aba aoch nichd mer: Im Ernst, meine Versuchung war groß, eine ganze Kolumne in dem Schreibstil zu verfassen, den zu erlernen man offenbar immer noch und schon wieder Grundschulkinder nötigt. Kein Wunder also, dass das Facebook-Posting der Mutter eines Sohnes weite Kreise zog: Sie machte ihrem Herzen über solche Lehrmethoden Luft und erntete dafür vieltausendfache Zustimmung. Auch von mir gibt es ein Like für diese deutlichen Worte, die wohltuende Realität in ein Thema bringen, das an manchen Stellen schon die tragischen Züge eines Glaubenskriegs angenommen hat.

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»Bitte berichtigen Sie das Kind nicht, das nimmt ihm die Freude und die Motivation beim Lernen, so hieß damals unser Arbeitsauftrag«, berichtet die Schreiberin rückblickend aus ihrem Alltag als Grundschülermutter. Also habe man den »Fata« und die »Muta« eben gelobt.

Wer nun denkt, dass die Erfinder solcher Lernmethoden von allen guten Geistern verlassen sind, der hat leider recht: Spätestens ab der 3. Klasse nämlich werden von der Schule selbstverständlich andere Saiten aufgezogen. Was bisher »richtig« (weil nicht beanstandet) war, ist ab diesem Moment falsch und fällt durch das gnadenlose Raster der nun plötzlich allein gültigen standardisierten Rechtschreibregeln. Das Erlernen der Schriftsprache beginnt also von Neuem, wodurch manchem Grundschulkind die eigene Muttersprache (Mutasprake?) plötzlich fremd erscheinen dürfte. Klar, dass sich die lange und liebevoll gepflegten Fehler früherer Jahre nun hartnäckig zeigen, sind sie doch dauerhaft im Gehirn verankert worden, und das gerade in einer Lebensphase, in der Lernen besonders nachhaltig funktioniert.

 

Erhöhter Förderungsbedarf?

 

Wem das sofortige Umlernen nicht ganz leichtfällt, weil er vielleicht einfach ein besonders effektiver Lerner ist und die Schreibfehler tief verinnerlicht hat, läuft dann schnell Gefahr, mit einer Diagnose belegt zu werden: Das Schreckgespenst Legasthenie steht plötzlich im Raum und verlangt nach einem Heer von Therapeuten. Nun ist nicht mehr nur die Schreibweise falsch, nein: Gleich das ganze Kind ist angeblich »fehlerhaft« oder es hat, um es euphemistisch zu sagen, »erhöhten Förderungsbedarf«.  

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An solchen Menschenversuchen (denn nichts anderes sind solche flächendeckenden pädagogischen Experimente) ist nahezu alles falsch. Sie stellen eine Respektlosigkeit gegenüber dem Kind dar, die ihresgleichen sucht. Wie wird es wohl in der Rückschau, wenn es die richtige Schreibweise nachträglich notdürftig erlernt hat, über die damaligen lobenden Worte von Lehrern und Eltern denken? Denn dies ist die zweite Katastrophe einer derartigen Methode: Sie schmälert den Wert eines Lobes und hinterlässt langfristig ein schales Gefühl.

Es schadet keinesfalls, wenn Eltern ein wachsames Auge auf solche Auswüchse des Bildungssystems halten und sich gegebenenfalls davon emanzipieren. » … so hieß damals unser Arbeitsauftrag«, schrieb Frau Becker. Schon das sollte die Menschen hellhörig machen: Selbstverständlich hat die Schule den Eltern keine »Arbeitsaufträge« zu erteilen, denn diese sind dem Bildungssystem längst entwachsen und sollten lieber ihrem Gefühl vertrauen, wenn es um ihre Kinder geht. Offensichtliche Schreibfehler liebevoll und konstruktiv zu korrigieren ist kein Motivationskiller, im Gegenteil: Ein Motivationskiller ist es, wenn allen alles egal zu sein scheint.

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