Schwindende Sprachkompetenz bei deutschen Studenten

Gravierende Mängel in der Sprach-, Lese- und Schreibkompetenz bei deutschen Abiturienten enthüllt eine Studie von Prof. Dr. Gerhard Wolf, Altphilologe der Universität Bayreuth. In einem Interview, welches in der Druckausgabe 40/2012 des Magazins SPIEGEL erschienen ist, zieht Gerhard Wolf das ernüchternde Fazit, dass die faktische Studierfähigkeit einer wachsenden Gruppe von Abiturienten nicht mehr gegeben ist. Auch mit der Allgemeinbildung hapert es laut den Erhebungen von Gerhard Wolf, weshalb er den Vorschlag aufwirft, an den Universitäten Vorkurse zur Erlangung der Studierfähigkeit einzurichten. Ein Artikel mit ähnlicher Stoßrichtung findet sich auf WELT online.

Die Einrichtung von Kursen an den Universitäten, in welchen Studenten nach bestandenem Abitur zuerst Lesen und Schreiben erlernen sollen, mag die Symptome einer Zeiterscheinung ein wenig lindern. Abhilfe schaffen aber wird sie meiner Ansicht nach kaum. Was an Grundschulen und Gymnasien versäumt wurde, wird sich kaum in einem Jahr nachholen lassen. Denn für Beobachter des Schulsystems war das Problem schon lange Zeit absehbar: Wurden vor 30 Jahren sogar an Hauptschulen noch ellenlange Aufsätze verfasst, wird dies selbst Gymnasiasten heute nicht mehr abverlangt. Sie beschäftigen sich stattdessen mit dem Wiederkäuen vorportionierten, fremden Gedankenguts: »Lies den Text und kreuze die zutreffende Lösung an!« – Einen längeren, eigenen Gedankengang auszuformulieren wird nicht nur nicht verlangt, nein, es wirkt sich sogar negativ auf die Noten aus, sollte ein Schüler einen kreativen Anfall von Trotz erleiden und vom auswendig gelernten Merksatz abweichen.

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Gehirne im Winterschlaf

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Wo Kreativität nicht gefragt ist, gehen die Gehirne in den Winterschlaf. Unsere Kinder sind ja nicht dumm: Sie haben längst gemerkt, dass zwar durch allerlei manipulative Methoden »ihre Kompetenzen gestärkt« werden sollen, sie selbst als Person jedoch in keinster Weise gefragt sind. Noch Fragen, warum viele sich dem Komasaufen ergeben? Man müsste wohl kaum mehr als das kleine Einmaleins der Psychologie bemühen, um die Gründe für das sinkende Bildungsniveau zu verstehen.

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Ansätze zur Lösung des Problems sind vor allem eins: eine Frage der Frühzeitigkeit. Denn der Wahnsinn beginnt bereits im Kindergarten, wo ein leeres Blatt Papier kein Anreiz zur Kreativität mehr ist, sondern ein Arbeitsmittel zur korrekten Durchführung von Anweisungen darstellt. »Ich habe Dir gesagt: Der Baum kommt rechts, die Sonne links!«, kriegt da ein friedlich malender Fünfjähriger schon mal zu hören, dessen Mutter ernsthaft ermahnt wird, ihr Sohn werde in der Schule scheitern, wenn er nicht endlich lerne, sich Arbeitsanweisungen zu fügen. Arbeitsanweisungen wohlgemerkt, die dazu führen werden, dass das Kind nach dem Durchleiden von 12 Jahren Schulzeit noch immer nicht über Sprachkompetenz verfügt. Aber das ist dann schon nicht mehr das Problem der Vorschulerziehung, die inzwischen bereits die nächste Generation am Wickel hat.

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Aber wo genau liegt die Ursache des Problems? Da sich die Schwierigkeiten schon sehr früh abzeichnen, ist es ein wenig zu einfach gedacht, neue Medien wie Twitter oder Facebook für das Desaster verantwortlich machen zu wollen. Twitter und Facebook sind immerhin so ziemlich die einzigen Gründe, weshalb junge Menschen überhaupt noch aus eigenem Antrieb schreiben, und zwar ab einem Alter, in dem die grundsätzlichen Weichen der Schriftsprache längst gestellt sein müssen. Wenn wir wirklich an einer Lösung interessiert sind, müssen wir zur Wurzel des Problems zurückgehen und von dort aus Veränderungen anstreben.

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Die Ursache lautet Infantilisierung

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Was tun wir nicht alles, um unseren Kindern eine schöne, bunte Traumwelt zu gestalten, indem wir eine rosig-glitzernde Tünche über die Wirklichkeit ziehen, deren Verlogenheit schon die Kleinsten spüren. Wir unterteilen unser Dasein in die Bereiche »Kinderwelt« und »Menschenwelt«. In ersterer ist alles weichgespült, überzuckert und pädagogisch wertvoll, nennenswerte Probleme werden selbstverständlich mit fachlicher Hilfe aus dem Weg geräumt. Auch Kinderbücher passen sich entsprechend an und lassen Märchen versöhnlich statt grausam enden. Formuliert sind sie in einfachen Sätzen, ohne wesentliche Nebensätze oder anspruchsvolle grammatikalische Konstruktionen, dafür mit rudimentärem Vokabular. Die Kleinen sollen doch nicht in die Verlegenheit kommen, nachfragen zu müssen, was der eine oder andere Begriff bedeutet. Ein Kind darf heute nicht mehr kindlich sein, sondern es wird durch diese permanenten Beleidigungen seiner Intelligenz in eine Position des Kindischen gebracht, die es lebenslang nicht mehr wird ablegen können. Erst wenn es von all dem Weichspüler schwere Allergien bekommt, wenn all der Zucker seine Zähne zerstört hat und wenn all die Pädagogen mit ihren lustigen Männchen seine Kreativität auf dem Gewissen haben, wird das Problem offenbar. Bis dahin ist das Kind im Alter eines jungen Erwachsenen und klopft an die Tür der Universität, so es die Wegbeschreibung dorthin überhaupt noch lesen kann.

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Kinderliteratur: einfachste Konstruktionen statt komplexer Sprache

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Betrachtet man das Standardwerk deutscher Kinderliteratur früherer Jahre, Grimms Märchen, so stellt man fest, dass die Sprache, verglichen mit Erwachsenenliteratur, keinerlei grammatikalische Vereinfachungen enthält. Satzgebilde mit 30 Wörtern sind eher die Regel als die Ausnahme, wohingegen man heute davon ausgeht, dass ein Satz mit mehr als 20 Wörtern auch von Erwachsenen nicht mehr auf Anhieb verstanden wird.

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»An dem Mädchen aber wurden die Gaben der weisen Frauen sämtlich erfüllt, denn es war so schön, sittsam, freundlich und verständig, daß es jedermann, der es ansah, liebhaben mußte.«

(Zitat aus »Dornröschen«, Grimms Märchen) 

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Dieses Satzgebilde ist nicht nur ästhetisch ansprechend, sondern transportiert eine Menge Informationen. Diese aufzunehmen traute man Kindern damals ohne Weiteres zu. Moderne Kinderbuchautoren würden wohl ganz anders formulieren (müssen), um denselben Inhalt zum Ausdruck zu bringen, vielleicht in etwa so:

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»Das Mädchen war sehr hübsch und brav. Auch freundlich und klug. Das verdankte es den Geschenken der weisen Frauen. Wer das Mädchen ansah, musste es einfach mögen.«

Übertragung, dem Stil heutiger Bücher für Leseanfänger nachempfunden (up)

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Rosarote Kinderwelt mit Zuckerguss und Schwachsinn

Die Zerteilung des komplexen Beispielsatzes in vier einfache grammatikalische Einheiten sorgt dafür, dass keine besondere Lesefähigkeit notwendig ist, um den reinen Inhalt zu verstehen. Diese Vorgehensweise soll angeblich den Zugang für Leseanfänger zu Literatur vereinfachen. Und genau hier liegt der Fehler, da infantiler Schwachsinn nie dazu angetan sein kann, die geistigen Kräfte herauszufordern und anzuregen. Infantiler Schwachsinn aber ist es, mit dem wir unsere Kinder umgeben, angefangen von den Teletubbies, die in 30 Jahren nicht aus der Babysprache herausgewachsen sind, bis hin zu rosaroten Büchlein für goldige Prinzessinnen, deren rudimentäres Sprachvermögen von Prinzen auf weißen Pferden angeblich als niedlich empfunden wird. Dies könnte daran liegen, dass auch des Prinzen Hirn nach der Lektüre »pädagogisch-wertvoller Kinderbücher für Leseanfänger« ein wenig weich geworden ist.

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Die Vorteile solcher Puderzuckerpädagogik liegen auf der Hand: Wer nicht fähig ist, komplexe Sprachgebilde zu verstehen oder gar zu formulieren, wird auch keinen nennenswerten Widerspruch zum Ausdruck bringen können. Er ist der perfekte Konsument. Ein williger Steuerzahler und Staatsbürger. Eben ein ideales Rädchen im Getriebe, solange es noch wenige wirklich kreative Gehirne gibt, die das Räderwerk am Laufen halten.

 

(Kommentar: Ursula Prem)


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